Brief an die Neonfarbe

11. November 2019 | asperger about design

Hommage an eine verkannte Farbe

Liebe Neonfarbe,

mit dir assoziiert man leuchtende Absperrbänder, schrillen 80er-Kitsch oder Reklameschilder von Technik-Discountern. Doch Kunst? Oder zukunftsweisendes Design? Ehrlich, manch ein Designer würde eher seine Liebesbriefe in Arial schreiben, als Neonfarben in seinen Entwürfen einzusetzen.

Lass dir sagen: Man tut dir unrecht.

Klar, du bist nicht einfach zu handhaben. Aber genau darin liegt die Kunst: mit Fingerspitzengefühl deine Qualitäten jenseits von Trash und Kitsch heraus zu kitzeln.  

Schreiend, grell, aufwühlend, aufdringlich und schwer kombinierbar – das sagen dir viele nach. Vor allem: polarisierend. Entweder die Leute stehen auf dich oder nicht. Deshalb lassen viele die Finger von dir, sie wollen es sich mit Menschen nicht verscherzen, die dich unsexy finden,

Doch man kann dich auch anders beschreiben: Auffallend, leuchtend, für sich stehend, die Aufmerksamkeit auf sich ziehend. Alles eine Frage des Standpunktes. Und wer dich wohlwollend betrachtet, belohnt sich selbst – mit überraschenden Möglichkeiten.

Vielleicht musst du noch ein bisschen über deine Herkunft hinauswachsen, um anerkannter zu sein. Freilich ohne dich dabei zu verbiegen.

Du wurdest einst als Warnfarbe entwickelt. In den 40er-Jahren markiertest Du in den USA potenziell gefährliche Fahrzeugteile im Verkehrswesen. Bis heute ist es dein Job, Gefahrenbereiche kenntlich zu machen und abzusichern – deine hohe Farbsättigung macht dies möglich.

Dein Durchbruch jenseits von Strassenhütchen und Warnschildern kam in den 80ern, als es in war, in gestreifter Neon-Hose zur Neuen Deutschen Welle durch die Gegend zu hüpften. Später übernahm die Techno-Szene dich als modische Trendfarbe – auf der Loveparade gehörst du in Sachen Outfit zum guten Ton. Die Fitness-Szene mit ihren Trikots und Tops entdeckte dich ebenfalls, denn mit dir verbindet man Power und Kraft.

Und jetzt ist es Zeit, seriös zu werden. Richtig seriös, nicht nur ein bisschen mit Preisschildern, Flyern und Rabatt-Aufklebern für die Werbebranche. Das war dein Pflichtprogramm in der Welt des Marketings, jetzt kommt die Kür.

Die Kunst besteht darin, dich als Leuchtfarbe einzusetzen, ohne andere Inhalte zu überstrahlen. Das ist der Clou, denn das kannst du ja sonst so gut: andere schnell blass aussehen lassen. Wer diesen Drahtseilakt hin bekommt, kann sich auf die Schulter klopfen. Und entdeckt, wie cool du bist: Du sprichst für dich. Dein Leuchten macht Spass. Du bist unabhängig und auffällig. Du bist ein wahrer Eye-Catcher!