Brutalistisches Webdesign: Ist das ein Versehen oder soll das so sein?

11. Februar 2020 | asperger about design

Ein brutalistisches Webdesign bricht bewusst mit etablierten Sehkonzepten. Es versteht sich als kreatives Kontrastprogramm zu der gängigen Webseitenlandschaft mit ihren aufgeräumten Mainstream-Layouts. Das sorgt interessanterweise dafür, dass Sie sich länger mit den Inhalten auseinandersetzen.

Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie rufen die Website eines renommierten Architektenbüros auf. Sie sehen viel Weissraum, einen leuchtenden, neonfarbenen Cookie-Banner und lediglich oben rechts in der Ecke etwas eng gedruckten Text. Sie sind sich unsicher, ob das, was Sie sehen, so gewollt ist oder nicht. Sie fragen sich, ob die Seite noch nicht fertig geladen ist. Erregt dies Ihre Aufmerksamkeit?

Irritation als Prinzip

Was für Sie regellos oder unfertig aussehen mag, ist Absicht. Brutalistisches Design spielt mit der Verwirrung seiner Betrachter, da es sich nicht erwartungskonform verhält. Wenn Sie mit verwirrenden Reizen konfrontiert sind, müssen Sie sich intensiver mit der Materie beschäftigten – nur so können die auftretenden Unsicherheiten geklärt werden. 

Das Auge, mit einem brutalistischen Design konfrontiert, sucht die Struktur, den Sinn oder auch die Schönheit in dem, was es sieht. Es fragt sich: Ist das jetzt «guter schlechter Geschmack»? 

Anderssein – mit Hingabe gestaltet

Der Begriff «Brutalismus» lehnt sich an eine architektonische Stilrichtung an. Ursprung der Bezeichnung ist der französische Begriff „béton brut“, der sich auf die Sichtbarkeit von rohem Beton bezieht, denn bei brutalistischen Bauwerken wird unverkleideter Beton zu einem Gestaltungselement. Der Brutalismus stellt die Konstruktion des Gebäudes zur Schau, er verschönt oder kaschiert nichts, 

In der Welt des Web sind es keine rohen Betonklötze, die für Brutalismus stehen. Sondern es sind unbeugsame, eigene Auftritte, die sich von den gängigen glatten und gefälligen Design-Schönheitsidealen abgrenzen, wie sie sich derzeit in unzähligen standardisierten Templates widerspiegeln.

Dabei ist Web-Brutalismus keine pauschale Anti-Haltung. Es ist die Kunst, professionell eine unkonventionelle Website zu gestalten. Wer auf diese Weise mit gesellschaftlichen Massstäben spielt, beweist Mut, Engagement und Souveränität. Und zugleich ein Augenzwinkern in Bezug auf das eigene Können.

Das eigene Können gekonnt ausser Acht lassen

Brutalistische Gestaltung bedient sich des Regelbruchs. Asymmetrien, Ungleichgewichte und unkonventionelle Proportionen sind an der Tagesordnung. Das fängt bei der Gestaltung der Fläche an und hört bei Auswahl und dem Einsatz von Schriften, Farben und Bildelementen nicht auf.

Brutalistische Websites können beispielsweise karg gestaltet sein, andere wiederum sind überfrachtet. Manchmal erscheinen sie grob verpixelt und damit wie ein Überbleibsel aus den Anfängen des Internets. Oder sie erzeugen einen dreidimensionalen Raum, in dem sich verschiedenste Ebenen einander überlagern zu scheinen. Es spielt mit Animationen und Effekten oder gibt sich betont kühl und unnahbar.

Wem nützt brutalistisches Design? 

Brutalistisches Design ist intensiv und das ist das lustauslösende. Er fordert zur Beschäftigung heraus, berührt emotional und sorgt so für eine ganz eigene Benutzererfahrung. Es spricht vor allem die Kundengruppen an, die sich jenseits des Mainstreams bewegen, die sich als Avantgarde verstehen.

Ein brutalistisches Design muss nicht zwangsläufig brutal sein, auch wenn es mit Sehgewohnheiten bricht. Vielmehr kann es durch seine Ungeschliffenheit faszinieren. Es zieht Menschen an, die auf kraftvolle und unkonventionelle Sichtweisen stehen. Wenn Sie solche Menschen zu Ihren Wunschkunden zählen, könnte eine Auseinandersetzung mit brutalistischen Design sinnvoll sein.

P. S. Wer nun Lust bekommen hat, sich brutalistische Websites anzusehen, wird auf https://brutalistwebsites.com/ fündig.